Der Anfang

Februar 27, 2011

Von Ewart Reder

Nach zwei Monaten ist der Polizeipräsident von B., Herr Dieter Glietsch (igitt, wassn Name) aus seinem Koma erwacht. Elefantenpost steht als erste am Bett. Herr Glietsch, wie war Sylvester?

Schön. Wir hatten ein Feuerwerk.

Das hatten andere auch.

Welche anderen? Nur wir hatten das Feuer von Herrn Gert Hof. Herr Gert Hof, wattn herrlicher Name! Herr klingt nach Peitsche, Gert ooch, Hof nach Kasernenhof. Det is doch Musike …

Wir waren bei dem Feuerwerk stehen geblieben.

Richtig. Nur uns in B. brachte Herr Hof das Feuer. Sie wissen, wie ausgebucht der Mann ist: Thronjubiläum in Oman, chinesischer Staatsakt zur Olympiabewerbung, Feierlichkeiten zur EU-Erweiterung in Malta … dann wir. Nicht mal ne richtige Diktatur. Wir mussten ihm die Million versprechen, dafür kam er.

Für ne lumpige Million Euro?

Nee, Berliner. Sie wissen, der Erstwohnsitz bei uns wird nur noch mit Feierpflicht eingetragen. Obama, Knut, Verona Pooth, Rihanna, Pol Pot oder wie heißt dieser Sänger …

… der die eins Komma drei Millionen Menschen ermordet hat …

… Genau. Der war ja da Sylvester. Glaubense mir, bei Komatiefe fünf hörense den immer noch. Aber wer Spaß will, feiert nicht in B. Wir stellen Rekorde auf. Da wird nur die Flasche gebraucht, die im Klosett getaucht. Da wird nur die Scheiße genommen, die im Verein geschwommen. Verstehnse nich. Macht nischt. Mitfeiern oder gehen, bei uns in B. herrschen klare Verhältnisse.

„Ich hatte die Idee, den Himmel zu erobern“ – sagt Herr Hof über sein neuestes Werk. Helfen Sie uns, greift das nicht in die Urheberrechte mindestens der Herren Göring und Wenders ein?

Sie wissen, die Leute in B. sind nicht in der Lage selbst Feuerwerkskörper abzubrennen. Wir mussten also handeln. Wir  riefen sie herbei, zum Branden(!)burger Tor, ließen sie vergessen, dass sie einen Balkon und Streichhölzer haben. Trotzdem gab es Sylvester noch hundert Balkonbrände in B. Was sollen wir machen? Sie mit einem Atombombentest locken?

Vielen Dank, Herr G., und viel Spaß weiter bei der Arbeit!


Lesen Sie dazu auch „Ça va Belrien?“

https://elefantenpost.wordpress.com/2011/02/27/ca-va-belrien

Der Abtanz

Februar 27, 2011

Von Ewart Reder

Nach einer wichtigen Entscheidung fragen wir Herrn Bundesminister von dem und zum Guttenberg …

Sagen Sie Karl Theodor Maria Joseph zu mir, wenn Sie mit dem Nachnamen Probleme haben.

… geht schon. Herr Guttenberg, Sohn großer Bauern, Nachfahre des übergroßen Erfinders des Kartoffeldrucks, Vorfahre zahlreicher Halbafghanen und anderer Kriegskinder, Minister usw. – was sind Sie jetzt schon wieder geworden?

Clubmaster.

Was ist das?

Schauens, es ging ja so nicht weiter. Herr L.L., Sprecher der Berliner Clubcommission, hatte es gefordert: „an einem Masterplan für die Clublandschaft zu arbeiten“. Die Leute wollten schlafen, die Clubs wollten Musik spielen. Da musste eine Lösung her.

Und das sind Sie.

Richtig.

Wie kamen Sie zu der Aufgabe?

Ich las im Tagesspiegel eine Warnung: „Wir müssen aufpassen, sonst sind wir ruck zuck nicht mehr die Clubhauptstadt.“ Die Worte „ruck zuck“ sprachen mich an, ich telefonierte mit dem Verfasser, Herrn L.L., und hatte den Job. Ruck zuck.

Und was qualifiziert Sie zum obersten Tanzaufseher, zum „master of mcs“ sozusagen?

Ich kann auflegen. Bratwürste und Platten. Hab ich in der Schülerunion gelernt.

Und sonst?

Ich sichere den Nachschub. Schaunens, die Tanzmusik ist heute elektronisch. Elektro kommt aus Asien. Der Handelsweg von Asien führt an Somalia vorbei. Dämmerts? Wer soll den Handelsweg denn sichern außer ich, das Militär?

Und warum grinsen Sie jetzt so breit?

Okay, ich kann noch was. Kurier. Afghanistan war gut, aber meine Frau und ich haben nachgeschaut: Den Krieg verlierma und damit das Heroin. Da hilft kein Jammern, sondern der Asiate mit seiner CD. Die müssen wir anstellte des Plastiktütchens jetzt am deutschen Zoll vorbei bringen. Und das heißt eben auch amol: schlucken.

[Reporter schluckt.]

Gell, jetzt sehen Sie mein Grinsen in einem ganz anderen Licht?

Und – fünf Stunden später?

Mei, des kann ich halt auch wieder. Schauens, die Zuwendungen der Rüstungsindustrie an einen müssen ja wo hin. Wo durch. Das übt.

Herr G., ich las, Sie besäßen die Schönheit eines vietnamesischen Minensuchhunds …

Schönheit?

… Ihr Gesicht sei halb Bulldogge, halb Napalmopfer …

Gesicht – wo?

Vielen Dank, Herr G., und viel Spaß weiter bei der Arbeit!


Lesen Sie dazu auch: Ça va Belrien?

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Der Abgang

Februar 27, 2011

Von Ewart Reder

Nach einem halben Jahr fragen wir einen Frankfurter Neubürger, was ihn zum Verlassen von B. veranlasste. Herr Theophanis G., warum sind Sie da weg?

Nun, mein Beruf wird in B. nicht mehr ausgeübt. Wie Sie wissen, werden in B. hauptsächlich noch Politiker und Türsteher beschäftigt. Beides kann ich nicht.

Wieso nicht mehr ausgeübt? Was arbeiten Sie denn Spannendes?

Nun, ich arbeite gegen den Ball, wie man sagt. Das Metier bietet in B.  nur noch Ein-Euro-Jobs. Fürwahr, ein Abstieg.

Wie kam es zu dem?

Nun, in B. lernte man das Gewerbe zuletzt „aus dem FF“. Das Kürzel steht für einen Spielleiter, der auf Abstiege spezialisiert ist. Das könnte ein Grund sein.

„Könnte“? „Ein“? Gründe gibt es also noch andere.

Nun, wir hatten auch kein Publikum. Man arbeitet da in einer verfallenen Nazi-Kultstätte, der Verein heißt nach einer Germanengottheit … Vielleicht trauen sich die Leute einfach nicht hin. Ich brauchte auch immer drei Metaxa vor dem Einlauf. Keine Ahnung. Ich bin andere Tempel gewöhnt, lustigere. Mein Volk hatte es immer mehr mit der Demokratie, verstehen Sie.

Was störte sie noch an Ihrer Wirkungsstätte?

Früher kam zur Halbzeit immer ein Mann im SS-Mantel die Treppe runter. Wahrscheinlich ist er jedes Mal aus seiner Loge geflogen, jedenfalls wollte er auf unsere Bank. Die Bank haben nämlich nicht die Fans zerlegt, wie das Fernsehen behauptet. Das Material ist unter den Funktionären … Nun, ermüdet.

Eine Stürmer-Frage noch: Wie kommen Sie mit Ihrem muslimisch-türkischen Partner zurecht? Integriert der sich eigentlich?

Nun, Stürmer würd ich nicht unbedingt sagen. Halil ist viel unterwegs, es sind aber auch 21 Spieler auf dem Platz. Im Gemüsehandel musst du die Kunden heute aufsuchen. Du kannst nicht mehr warten, bis die zu dir kommen. Halil fragt und liefert dann in der Kabine. Er leistet seinen wirtschaftlichen Beitrag, hundert Prozent. Soll er mit Auto rumfahren oder was?

Vielen Dank, Herr G., und viel Spaß weiter bei der Arbeit!

Lesen Sie dazu auch „Ça va Belrien?“

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Ça va Belrien?

Februar 27, 2011

Stiche in die Wasserhaupt-Stadtblase

Von Ewart Reder

 

Ça va Belrien?

Unter diesem Titel war Anfang 011 der Start einer Kolumne geplant.

Stiche in die Wasserhaupt-Stadtblase …

… sollte der Untertitel sein. Stiche sollten gesetzt werden, um der medialen Selbstverbreiterung und -vervielfältigung Berlins den Spiegel satirischer Distanz vorzuhalten. Nicht gegen Berlin richtet sich das notabene, wo ich im übrigen geboren und aufgewachsen bin, sondern gegen die gleichnamige Verabredung zum kollektiv-kulturellen Fußfall vor einer selbsternannten Übergöße.

Mit geänderten Konzept starte ich nun eine ganz andere Kolumne.

Sie heißt Reder und Antwort, erscheint monatlich in der Zeitschrift eXperimenta, ist da auch online greifbar, sogar bequem abonnierbar – würd mich freuen:

http://www.experimenta.de

Zum Zweck der Dokumentation veröffentlicht die Elefantenpost drei Nullnummern für Ça va Belrien?

Sie sind um den Jahreswechsel 2010/2011 geschrieben.

Wer weiß, vielleicht findet sich auch für diese Volte ein Blatt, ein Blog mit Esprit und Respektlosigkeit vor eingebildeten Autoritäten. Immer melden: Reder [at] fyrleser.de

Bunga-bunga

Februar 3, 2011

Von Ewart Reder

 

Kommentar zur gleichnamigen FR-Kolumne von Peter Schneider:

http://www.fr-online.de/politik/meinung/bunga-bunga/-/1472602/7141916/-/index.html

 

Peter Schneiders Verwunderung über das heutige Italien resultiert aus der Jahrzehnte alten Oberflächlichkeit, mit der deutsche Schriftsteller Land und Leute betrachten. Gegenmodell dazu ist ein Roman des Italienkenners und -liebhabers Heinrich Mann von 1907, „Zwischen den Rassen“. Die italienische Bourgeoisie trifft der Blick der halb deutschen Einwanderin Lola:

„Kaum ertrug sie noch diese Menschen: ihre lauten, schleierlosen Gebärden und Stimmen, all das gierige Leben in den gewölbten Augen. […] Jeder gewährte allen Nachsicht. Kein Mensch fühlte hier die Nötigung, vor sich selbst ohne Flecken zu sein. Die äußere Geltung, das Übereinkommen war alles. Sie machten, bei ihrer animalischen Tüchtigkeit, den Eindruck moralisch unendlich Ermatteter. Die Spitzbüberei war bei diesen Enkeln großer Bankiers blutarm und kleinlich. In ihrem Geist schienen die Federn verbraucht; er wiegte sich, hart und platt, wie die Chaise einer alten Staatskutsche, auf den verjährten Ideen aus ihrer Zeit. Man glaubte ihnen nicht, daß sie anderswo noch dachten als in Gesellschaft, um „Figur zu machen“, des Pompes wegen. Auch geistig waren sie arme Dandys, die zu Hause nicht aßen. Nichts erneuerte sich hier; kein Vermögen, kein Ideenvorrat. Und im Wegsehen von allem Zeitgemäßen eignete ihnen dieselbe klägliche Einmütigkeit wie im Vertuschen ihrer Schmutzereien. Eins nur war unverzeihlich: anders zu sein. (…)

Lolas Gegenspieler und Gatte, der negative Held des Romans findet, nachdem sein Aufstieg und Fall von Lola 200 Seiten lang mitgelebt wurden, ein Ende auf Ausgangsniveau:

„Pardi focht nur noch um zu fechten, und mit dem Bewußtsein, auch den Fußbreit Boden, auf dem er sein Florett führte, werde er aufgeben müssen. Er scheute nicht mehr Ungesetzlichkeiten noch Unzartheiten: blieb ihm nur die furchterregende Gebärde, die große Maske, der alles erschütternde Abgang. Er war dabei, seinen Rest bürgerlicher Ehre abzustreifen, und behauptete umso wuchtiger die des Helden. (…)“

Möge es mit Berlusconi zügig vorbei sein. Mit ihm gekränkt durch seine Schmierenvorstellung ist eine Gesellschaft, deren Hauptbindemittel der Narzissmus ist, was einem Heinrich Mann klar war, nicht so der Toscanafraktion unter anderem der deutschen Gegenwartsliteratur. Denkt Schneider an Italien in der Nacht, fallen ihm gutes Essen, gutes Trinken und nette Kellner ein. Jede Seite aus Heinrich Manns Notizbüchern weiß mehr. Pardi, heißt es da, „treibt den National-Typus auf die Spitze, mit volkstüml. Energie. Ungebrochen. Bankerott des Renaissancemenschen, Ende im Kitsch; Unfähigkeit, neu zu beginnen. Was einst gesund war, ist jetzt kümmerlich süßlich.“

Dreißig Jahre später war Mann erschrocken darüber, wie genau er in seinem Antihelden auch den faschistischen Typus schon vorweg genommen hattte. ‚Alternativlose‘ Systeme, die von Clowns wie Berlusconi (oder Sarkozy, Guttenberg usw.) geführt werden, haben nur Perspektiven, die beunruhigen.

Die ganze Bucht der Literatur

November 30, 2010

Zehn Jahre WortWellen bei Radio X

 

„Literatur im dritten Jahrtausend“ nennt sich die Sendung im Untertitel. Klotzig, nur mit dem Zeitpunkt erklärbar, zu dem man auf Sendung ging: Januar 2001 – für die Kalenderfesten der erste Monat des neuen Jahrtausends.

Die ersten „WortWellen“ feierten gleich noch ein Jubiläum: fünfundsiebzig Jahre Arnim Reinert. Dem „Anwalt der verbrannten Dichter“, der mit Rezitationen die von den Nazis verbotenen Schriftsteller präsentiert, war die Pilotsendung gewidmet. Die Verbindung blieb bestehen. Zum Jubiliäum bringen die WortWellen ein Interview mit dem unermüdlichen, bald fünfundachtzigjährigen Reinert, einem Berliner, der als Kind von der elterlichen Wohnung aus den Reichstag brennen sah.

Die Palette der Themen, die die Gründer Ewart Reder und Joachim Durrang in der Sendung anschnitten, war von Beginn an breit. Lesungen wechselten mit Autorengesprächen, Rezensionen, Porträts, Radioessays und Features etwa zum drohenden Wegzug der Buchmesse aus Frankfurt oder zu manipulativen Tendenzen der Massenmedien. Ein solches ist das Frankfurter Radio X nur bedingt, das die WortWellen an jedem ersten Mittwoch des Monats ausstrahlt. Als Bürgermedium lebt es von der Kreativität nicht nur seiner Macher, sondern auch seines bunt gewürfelten Publikums.

Nachdem Joachim Durrang 2004 ausstieg, traten nacheinander die Literaturjournalistin Helen Renee Seyd (bis 2009), die Studentin Eva Schnürer und der Autor und Komponist Thomas Kurze in die Redaktion ein. Die Bandbreite nahm zu, der Blickwinkel erweiterte sich um Themen der Literaturwissenschaft, Sprachphilosophisches, Experimentelles. Das Radio wird zum Labor, der Essay im Wortsinn ein Versuch, im Kraftfeld zwischen Dichtung und Theorie. In unregelmäßigen Abständen konzipieren und gestalten Jugendliche die Sendung. Zweimal holten WortWellen-Features den zweiten Platz beim „Media Surfer“ Wettbewerb der Landesmedienanstalt für den privaten Rundfunk.

Für die Zukunft nimmt sich der Schriftsteller Ewart Reder vor, mehr Erstsendungen neuer Texte zu bringen. Auch eigener. „Nach zehn Jahren dürfen wir das. Schiller hatte die Horen, Kraus die Fackel, Huchel Sinn und Form – Kurze und ich haben die WortWellen. Und die Autorenkollegen haben uns, herzliche Einladung. Mit Frau Schnürer ist das abgesprochen.“

WortWellen:  jeden ersten Mittwoch im Monat, 15 bis 16 Uhr

auf Radio X, Ffm, Ukw 91.8

Kabel: 99.85, livestream: http://www.radiox.de

Bastei

Mai 4, 2010

Von Ewart Reder


Ja, jetzt ist es klar. Danke, der Schwenk gerade mit dem Klarlichtwerfer hat die Fugen gezeigt. Maßarbeit eben. Was auch sonst wäre bezahlt worden in einem Bauwerk, gleich welchem, aber speziell dem, wo Menschen bei Belagerung lange ausharren mussten. Also betrunken waren die meiste Zeit und nicht das Gesicht verlieren wollten, indem sie an einem schlecht gefügten Backstein hängen blieben, lang hinschlugen, ohne Gesicht wieder aufstehen und mit den anderen Belagerten weiter leben, die Belagerung aushalten mussten. Die die anderen natürlich für Momente vergaßen, in denen sie Dritte, Schwächere fanden, die sich herab setzen, dann zerschlagen ließen, zu Boden strecken, platt machen. Platt im Sinne dessen, was der Boden bereits hätte sein sollen. Eines Ideals immerhin, dem die Gestrauchelten in keiner möglichen Hinsicht genügt hatten, weshalb sie da jetzt lagen, wo auch bei nächstem Hinsehen immer nur ihr Ungenügen mit dem der Welt um eine Aufmerksamkeit wetteiferte, deren nicht Vorhandensein den Sturz erst bewirkt hatte, calamitas calamitatum.

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Faktotum Hitler

April 26, 2010

Von Ewart Reder


„Eine gestalterische Katastrophe“ nennt Meike Fessmann in der Süddeutschen Zeitung den Buchumschlag, lobt dem gegenüber das „feine Sprachgespür“ der Autorin. Umgekehrt ist es. Treffsicher markiert die Bunkerzelle auf dem Titel zusammen mit dem Romantitel „Der Glückliche“ das Paradox, das hier verhandelt wird, in einer Art U-Comix-Anmutung auf das Samizdat-Schrifttum psychiatrischer Gefangener anspielend. Die Sprache dagegen ist katastrophal. Sie muss es sein, damit Roswitha Quadflieg diese Familientragödie erzählen kann.

Wie gewöhnlich ist die Familie selbst die Tragödie. Sieben nahe Verwandte, assistiert von drei weiteren Figuren, erinnern sich an Dr. med. Leopold Wagner sowie aneinander. Die Rollentexte kreisen um Leopolds angeblichen Unfalltod im Gebirge, drei Tage nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie, einundzwanzig Jahre nach seiner Einweisung in dieselbe. Voraus ging damals eine U-Haft wegen Beleidigung Hitlers, sodass sich die Frage stellt: Ist Wagner ein Verfolgter des Naziregimes oder ein ‚normaler Psychotiker’? Jeder und jede erzählt da seine Geschichte, jede Geschichte schließt die anderen aus. Spannend ist das zu verfolgen wie in Kurosawas Kultfilm „Rashomon“. Und immer gruselt die Sprache, an der die Figuren sich kaum individuell unterscheiden lassen: ein glatter, unangreifbarer, selbstgerechter Alt- und Neusprech von Leuten, die so gut in die Nazizeit passen wie in eine von ihnen ungelebte Gegenwart.

Auf halber Strecke des Buchs scheint es, als sei die Psychiatrie Leopolds Rettung geworden, als hätte eine Person von dieser vitalen Boshaftigkeit den Anpassungsgrad nie erreichen können, den die Nazis verlangten. Wer da allerdings schon an „Die Physiker“ denkt, den Helden mit einer Sendung ausstatten will, deren die Welt nicht wert ist, den holen Briefe und Aufzeichnungen des Patienten Wagner schnell auf den Teppich. Glück mag der Mann gehabt haben, edler ist er davon nicht geworden. Oder wie ein Experte des Themas, Hermann Kesten in „Glückliche Menschen“ schreibt: „Die Glücklichen sind gefährlich. Die Glücklichen werden übermütig und toll. Die Glücklichen schweifen aus! Die Glücklichen verzweifeln! Die Glücklichen morden!“ und so weiter, nachlesenswert.

Das eigentlich Großartige an Roswitha Quadfliegs nach einem recherchierten Fall geschriebenen Romandrama ist die Rolle, die Hitler darin spielt. Er war in jeder Hinsicht überflüssig, weiß man nach der Tragödie. Die Akteure hätten sich ohne ihn genauso beflissentlich zugrunde gerichtet wie mit seiner dilettantischen Unterstützung, alle Verbrechen inbegriffen. Bis zum Rand steckt jede Einzelexistenz voll mit einem das Dorf, ersatzweise die Welt umspannenden Wahn ihrer Allein-Wichtigkeit. Jeder wünscht jedem den Tod. Ins Politische übersetzt denkt so ein braves Volk von Faschisten.

Wozu dann noch Hitler? Und doch, es gibt Verwendung für ihn. Leopold besetzt ihn als den Gehilfen des Papstes, welcher beschlossen hat ihn, Leopold, fertig zu machen. Leopolds Frau sucht einen Ernährer. Nachdem die berufliche Existenz des Gatten durch einen NS-Verwaltungsakt zerstört wurde, Anstoß zu seiner Jahre später ausbrechenden Psychose, akzeptiert die Ehefrau „diese Regelung als eine allgemeine aus wirtschaftlicher Not erwachsene“, huldigt dem Ober-Regulator und lässt sich von dessen Gestapo versorgen. Leopolds Mitpatient wiederum stellt sich dem Leser als „die Geliebte des Führers“ vor, findet den „total geil, mit seinem schrägen Scheitel und angeklebten Schnurrbart – das kleine Luder.“ Überraschend zeigt der Führer Eignung zu den Nebenrollen sämtlicher herostratischen Selbstverfilmungen. Hitler, der universal verwendbare Komparse, das Faktotum des deutschen Wahnsinns – eine veritable Entdeckung Roswitha Quadfliegs.

Und ein neuer Verdacht: Wurden die Geisteskranken auch deshalb früh zur Vernichtung bestimmt, weil ihre vielstimmige Oper so viel bunter und aufregender klang als Hitlers Zweiviertel-Unisono? Wie die ermordeten Juden ein, vielleicht tödlicher, Verlust für die Welt sind, fehlten in Nachkriegsdeutschland jedenfalls auch die verrückten Euthanasieopfer.

Roswitha Quadflieg, Der Glückliche. Roman zu zehn Stimmen, Stroemfeld Verlag, 136 Seiten, ISBN 978-3-86600-049-0, 14,80 Euro

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Sonntag. Erster März

März 1, 2009

Von Ewart Reder


Das Licht hat eingeladen.

Ringsum nur ich

auf dem Parkett. Es geht

um meine Seele.

Die Häuser halten Bäume

vor die Lippen

Vögel die Luft an

Arbeitsgötter die Welt

damit ich das Meer höre

hinter den Bergen.

Wie es bremst

um nicht seine Kissen

ans Ufer zu spülen. Der Tag

ist aufgestanden

macht ihm das Bett.

Möwen erinnern den Himmel

an eine Wolke

die er mir letztes Jahr

nicht zeigen wollte.

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Zamtinger

Februar 20, 2009

von Thomas Kurze

Von drinnen ist noch ein Beat zu hören, aber Zamtinger rennt bereits auf der Straße, schnell, schnell, es muss alles passen, man hat nur mit den positiven Möglichkeiten gerechnet, es wird schon eintreten, wie es angedacht gewesen ist, Zamtinger hat sich immer für die Erfüllung der Pläne starkgemacht, warum soll ich einen Plan B entwerfen, wenn doch der Plan A völlig genügt, die Menschen machen sich Gedanken, was eintreten könnte und sie entwerfen einen Plan B, weil sie der Faktizität des Kommenden nicht trauen, schreibt Zamtinger auf ein Stück Papier als er am Schreibtisch sitzend den Plan A entwirft, man muss mehr Vertrauen in die Notwendigkeit des Kommenden haben, dann braucht man auch keinen Plan B, und in der Theorie klingt das alles auch ganz richtig, denkt sich Zamtinger, wir wollen schauen, wie das jetzt, da wir eigentlich ganz dringlich eines Planes B bedürften, für Konsequenzen zeigt, aber schließlich hat ja auch niemand damit rechnen können, dass der Prokamer den Verzehrraum betritt, ausgerechnet der Prokamer, hat der Zamtinger gedacht, ausgerechnet der Prokamer und ausgerechnet der Verzehrraum, der Prokamer ist schon so lange Zeit nicht einmal in die Nähe des Verzehrraums gekommen, weswegen es ja schließlich mehr als merkwürdig und in diesem Sinne in gar keiner Weise vorhersagbar gewesen ist, dass der Prokamer ausgerechnet an diesem Tag den Verzehrraum betreten wird, und das auch noch zu einer Uhrzeit, die sich ja gar nicht mehr für den Verzehr eignet, wer isst schon zu einer Uhrzeit, die weit jenseits der 11 Uhr liegt, hat der Zamtinger bei sich gedacht, und überhaupt hat der Zamtinger den Prokamer bereits einige Monate nicht mehr zu Gesicht bekommen, weswegen ganz und gar nicht, wie sich der Zamtinger später vernehmen lassen wird, damit zu rechnen gewesen ist, dass auf einmal und so gänzlich unangekündigt der Prokamer im Verzehrraum steht, und augenblicklich, da der Zamtinger des Prokamers ansichtig wird, weiß der Zamtinger, dass es jetzt ohne einen Plan B nicht mehr gehen wird können, ich habe mich gar nicht lange mit meiner Überraschung über des Prokamers Erscheinen aufgehalten, habe stattdessen gleich an den Feinheiten eines Plan B gearbeitet, schreibt der Zamtinger später auf ein Stück Papier, was er hernach mit Zamtinger unterschreiben wird, und welche andere Möglichkeit als die im Verzehrraum laufende Musik hätte sich wohl angeboten, so dass der Zamtinger gar nicht lange überlegt, und also in der Musik die Möglichkeit für den Plan B erkennt, die meisten Menschen gehen ja davon aus, dass, sobald ein Plan B erst einmal auf dem Weg ist, dem Möglichkeitsraum, dem völlig unüberblickbaren Möglichkeitsraum und damit der Willkür Tür und Tor geöffnet sind, wohingegen völlig klar ist, dass ein Plan B nichts anderes als ein Plan B ist, nicht mehr, schreibt der Zamtinger später auf ein Stück Papier, die Menschen reden immer vom Möglichkeitsraum, der Möglichkeitsraum, sagen sie und meinen, dass durch die Existenz eines Planes B auch gleichzeitig die Existenz eines ganzen Möglichkeitsraumes gegeben ist, das ist verrückt, sagt der Zamtinger, ist es nicht verrückt, wohingegen ihm, dem Zamtinger, augenblicklich klar ist, dass jetzt mit dem Übergang von Plan A zum Plan B die gleiche lineare Notwendigkeit vorliegt, wie man sie auch gar nicht anders im Zusammenhang und in der Auseinandersetzung mit dem Plan A kennt, kein Mensch kommt auf die Idee, die Notwendigkeit eines Planes A infrage zu stellen, warum sollte es sich mit einem Plan B anders verhalten, der Zamtinger im Bewusstsein dieser Erkenntnis ergreift die Gelegenheit der Musik, man muss sich das als einen fortlaufenden Beat vorstellen, schreibt der Zamtinger später auf ein Stück Papier, und schließlich auf der Straße ist von drinnen noch ein Beat zu hören, aber ich renne bereits auf der Straße, schnell, schnell, wenigstens jetzt muss alles passen, passt es auch, denkt der Zamtinger nachdem er fertig geschrieben hat und unten auf das Papier seinen Namen setzt: Zamtinger.

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Copyright: Thomas Kurze 2009


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